Kritik am Styleguide der Bundesregierung
Die Bundesregierung hat ihren
Styleguide veröffentlicht, die
Richtlinien für ihr Corporate Design in Onlinemedien. Damit sollen alle Ressorts
visuell einheitlich und geschlossen auftreten. Er richtet sich an die Design-Agenturen,
die im Auftrag der Regierung oder ihrer Ministerien für einen Internet-Auftritt
tätig werden.
Als technischer Mindeststandard wird HTML ab 4.0 angegeben und eine identische
Darstellung in den Browsern ab der 4. Generation angestrebt. Die Trennung von Inhalt
und Layout ist gefordert. Alle Webpräsenzen sollen gemäß dem
Gleichstellungsgesetz
und der
Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung
für alle zugänglich sein.
Die Absicht ist löblich, die Umsetzung aber misslungen.
Inhaltliche Kritik am Styleguide
Ohne auf positive Aspekte des Styleguides einzugehen, etwa die klare Spaltenaufteilung,
die übersichtliche Navigation oder die Aussagen zu grafischen Elementen, hier nur
meine negativen Anmerkungen.
- Bei der Gestaltung von Internetpräsenzen wird von einer Monitorauflösung
1024*768 ausgegangen und diese Breite vollständig und pixelgenau überplant,
die Alternative 800*600 ist nur als zusätzliche Option vorgesehen.
Als ob alle User ihr Browserfenster immer auf die volle Bildschirmgröße
aufziehen. Alternative Darstellungsmedien, z.B. RSS Reader, aber auch Sidebars und
vertikale Taskleisten bleiben dabei unberücksichtigt.
- Obwohl in den Zusatzinformationen zum barrierefreien Webzugang viele Informationen
zum Gleichstellungsgesetz und der Web Accessibility Initiative des W3C gegeben und
ihre Umsetzung empfohlen werden, ist davon im Styleguide wenig wieder zu finden.
Kein Wort zum empfohlenen Verzicht auf Tabellen zu Layoutzwecken und zum Postulat
der flexiblen Skalierbarkeit von Webseiten und Textspalten. Im Gegenteil, alles wird
pixelgenau festgezurrt. Von der Verwendung moderner CSS-Techniken findet sich außer
im Vorwort nichts.
- Obwohl im Styleguide steht, dass Schriften skalierbar sein müssen, wird als
einheitliche Schrift für Mengentext die Verdana in 11px Größe vorgeschrieben.
Das ist zu klein für Menschen mit schlechten Augen und in dieser Maßeinheit im
vorherrschenden Internet Explorer auch nicht zu vergrößern. Die Skalierbarkeit
ist damit für 85% der Besucher nicht gegeben.
- Was wirklich von der Zugänglichkeit für alle gehalten wird, findet man
unter Sonderseiten: Es wird empfohlen, einer Internetpräsenz eine Introseite
vorzuschalten, von der aus man zu einer barrierefreien "Textversion" gelangen
kann (Anführungszeichen im Original). Also nicht alles für alle, sondern eine
Magerversion für die Gehandicapten.
Die Umsetzung des Styleguides
Der Styleguide ist natürlich nur für die Design-Agenturen gedacht, also nicht
für den Normalanwender. Trotzdem hat er Vorbildcharakter. An ihm werden sich nicht nur
Auftragnehmer der Bundesregierung orientieren, sondern alle Auftraggeber und Gestalter
öffentlicher Webseiten. Die Umsetzung des Styleguides im Styleguide selber werden wir
in vielen Webauftritten wiederfinden. Und das ist schlimm.
- Obwohl in den Zusatzinformationen der Verzicht auf Tabellen zu Zwecken der
Präsentation gefordert wird, finden sich hier überall mehrfach verschachtelte
Layout-Tabellen. Es herrscht damit keine Trennung von Inhalt und Gestaltung. Auch das selber
postulierte Verbot der Kombination von Tabellen und strukturierenden Elementen wird
missachtet. Alle Möglichkeiten modernen CSS-Layouts bleiben ungenutzt.
- Es herrscht auch eine Vermischung von Inhalten und Scripten. Überall werden
Links per JavaScript und document.write in die Seite geschrieben. Auch wenn jedes Mal ein
noscript-Angabe folgt, ist das völlig sinnlos. Liebe Leute, warum nutzt ihr nicht
so etwas wie
<a href="..." onclick="...;return false">Link</a>
und schon hättet ihr den gleichen Effekt bei einem wesentlich saubereren Code.
- Dass kein Doctype angegeben wurde und die Seiten schon deshalb nicht valide sind,
ist dann auch kein Wunder. Nachdem ich der Startseite die Doctype Declaration für
HTML 4.01 transitional gegeben habe, also die toleranteste Variante des im Styleguide
geforderten Standards, meldete der
Validator 8 Fehler. Bei einer Seite von rund
60 Wörtern Umfang schon beachtlich.
- Die Seiten wurden in Dreamweaver erstellt und nur mit dem Internet Explorer getestet.
Im Mozilla ist die
Hauptnavigation
zerschossen und das Layout des
Fließtextes
durch das Einfügen von Trennzeichen und Zeilenumbrüchen chaotisch. Nichts zeigt
die Unsinnigkeit pixelgenauen Designs und der Missachtung der selbst geforderten
Skalierbarkeit von Schriften besser als diese Beispiele.