So lebt Familie Mustermann

Werbung ist so doof wie sie ist, weil die meisten Werber an trostlosen Schreibtischen in trostlosen Büros darüber grübeln, wie sie unbekannten Menschen irgendwelche Produkte schmackhaft machen können. Um besser zu werden, muss man näher an seine Zielgruppe heran, sagte sich die Werbeagentur Jung von Matt.

Sie werteten alle verfügbaren aktuellen Forschungen zum Durchschnittsdeutschen aus und schufen danach ein typisches deutsches Wohnzimmer, das bis in Kleinigkeiten genau so eingerichtet ist, wie eine durchschnittliche deutsche Mittelschichtsfamilie mittleren Alters sich einzurichten pflegt. Dieses dient dann als Konferenzraum für die Werber, um sich in die Gedankenwelt der Menschen hinein zu versetzen, denen sie ihre Produkte verkaufen wollen. (Und natürlich auch, um ihre Werbeagentur selbst zu bewerben.)

Das Wohnzimmer von Familie Müller, eingerichtet 2007

Das Wohnzimmer der fiktiven Familie Müller, bestehend aus Vater Thomas (43), Mutter Sabine (40) und Sohn Alexander (13), wurde 2007 eingerichtet und wird seitdem ständig angepasst. Da keine neueren Fotos vom Müllerschen Wohnzimmer veröffentlicht wurden, hier die Fotostrecke von Spiegel Online 2007 mit einigen Einrichtungsdetails.

Inzwischen gibt es auch typische Wohnzimmer für eine österreichische und eine schweizer Familie Müller. Auch bei ihnen steht das Couchset mit Tischchen, und helles Holz hat die früher vorherrschende Eiche rustikal abgelöst. Aber es gibt Unterschiede. So leben die meisten Österreicher im eigenen Haus und haben mit 114 m² eine größere Wohnfläche zur Verfügung, in der sie sich auf teurerem Buchenlaminat-Fußböden bewegen. Die deutsche Durchschnittsfamilie wohnt zur Miete, kommt mit 90 m² aus und hat einen Velourteppich für zwölf Euro pro Quadratmeter ausgelegt. Die Schweizer schätzen eine Hausbar in Bodenhöhe, während die Deutschen ihre Alkoholika kinderfreundlich in den oberen Stockwerken ihrer Schrankwände verstecken. In den schweizer und österreichischen Wohnungen ist es üblich, die Schuhe auszuziehen, während die Deutschen im Wohnzimmer ihre Schuhe anbehalten.

In diesem Jahr gab es Veränderungen bei Familie Müller: die Eltern sind immer noch Thomas und Sabine, aber sie sind etwas älter geworden, wie der Durchschnittsdeutsche auch. Alexander ist inzwischen 18 und heißt heute Jan, weil im Jahr 2011 18-Jährige am häufigsten so heißen. Um Jans Zimmer einzurichten, haben die Werber mehr als 50 Studien und Fachpublikation ausgewertet, die Shell-Jugendstudie, Jim-Studie, Bravo Faktor Jugend, sie haben Zeitungen, Bücher, Doktorarbeiten studiert und sie haben sehr viele echte Zimmer 18-jähriger Jugendlicher besucht und fotografiert. Sie brauchten rund 700 Arbeitsstunden, um ein typisches deutsches Jugendzimmer zu erschaffen. Jan lebt mit seinen Eltern in einer Großstadt in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. In seinem Fall ist es Köln, deswegen hängt ein FC-Schal an der Wand.

Das Jugendzimmer von Jan Müller, 18 Jahre alt, eingerichtet 2011

Jan besucht die 11. Klasse, er ist kein Kind mehr, aber noch nicht erwachsen. Harry Potter steht noch im Bücherregal, aber in der Nachttischschublade liegen bereits Kondome. Er bekommt 35 Euro Taschengeld, wovon 19 Euro fürs Handy draufgehen. Computer, Internet und Playstation sind genau so wichtig wie der Fernseher. Viele Einrichtungsdetails gibt es in der Fotostrecke von Spiegel Online.

Seit 2007 hat sich bei Familie Müller noch mehr geändert. Fand damals der Computer gerade Zugang zum Wohnzimmer (trotz einiger Bedenken von Sabine), ist er heute Teil des Familienlebens. Es wird anders eingekauft, sich anders informiert und anders kommuniziert. Beide haben einen Mailaccount bei einem Freemail-Anbieter. Sie googeln, was sie wissen wollen, vergleichen online Reisepreise, gehen zum Buchen aber doch lieber ins Reisebüro. Thomas ist bei Facebook und Wer-kennt-wen. Und ab und an mal macht er in einem unbeobachteten Moment eine Seite auf, die Sabine lieber nicht sehen sollte. Aber er weiß aus der Computer-Bild, seine Spuren vor ihr zu verbergen.

Die Werbeagentur Jung von Matt hat ein Echtzeitmodell eines typischen Surfers gebastelt. Hier kann man ihm über die Schulter sehen:

Der interaktive Wohnzimmer-PC : Eine Woche Surfen mit Thomas Müller

Die Live-Berichterstattung aus dem Netz-Alltag von Thomas Müller, mit zahlreichen Sprungstellen hinein in seine digitale Woche, gibt es wie die Fotostrecken von Spiegel Online. Die interaktive Flash-Animation enthält auch zusätzliche Statistiken, Informationen zum Nutzungsverhalten, sowie allerlei Lustiges und Seltsames aus den Internetverhalten eines typischen deutschen Computernutzers.

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