Das erste Handy der Welt (1922)

Im vorigen Jahr stellte ich einen Ausschnitt aus einem Charlie Chaplin-Film von 1928 vor, in dem eine Passantin scheinbar mit einem Handy telefoniert. Jetzt habe ich einen noch älteren Film von 1922 gefunden, der ein mobiles Telefon ausführlich vorstellt, das einen Regenschirm als Antenne nutzt und mit einem Hydranten geerdet werden mußte. Sogar Musik konnte es schon wiedergeben, wenn auch noch keine mp3s.

Dieser Stummfilm kommt aus dem Archiv von British Pathé, einer Wochenschau, die von 1910 bis in die 1970er Jahre Programme für Kinos erstellte. Heute sind über 90.000 ihrer Beiträge digitalisiert und online verfügbar.

Eine Wochenschau war eine für das Kino wöchentlich neu produzierte Zusammenstellung von Filmberichten über aktuelle politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse. Die Kino-Wochenschauen wurden im Vorprogramm zum Hauptfilm gezeigt und waren neben den Tageszeitungen die Hauptinformationsquelle der Bevölkerung über das Weltgeschehen. Sie wurden überflüssig, als das Fernsehen dieselbe Aufgabe täglich und sogar mehrfach täglich erfüllte.

Das Fräulein vom Amt

Im Film zu sehen ist neben dem Handy auch eine damals übliche "Klingelfee". Während es heute beim Telefon eine Selbstverständlichkeit ist, als Anrufender den gewünschten Teilnehmer duch Eingabe seiner Telefonnummer selber anwählen zu können, war früher eine Handvermittlung durch das "Fräulein vom Amt", auch "Klingelfee" genannt, notwendig.

Ein Fräulein vom Amt, 1930 (Foto: Bundesarchiv, Wikipedia)

Es waren wirklich Fräuleins, die diese Arbeit erfüllten, weil bei der damaligen schlechten Gesprächsqualität höhere, weibliche Stimmen besser verständlich waren. Um zu telefonieren, musste zunächst das Amt angerufen werden, das die Vermittlung eines Teilnehmers zu einem anderen übernahm. Jeder Teilnehmer besaß eine eigene Anschlussbuchse auf dem Klappenschrank. Der Standardsatz lautete "Jetzt kommt ein Gespräch für Sie" und die Verbindung zum Gesprächspartner wurde hergestellt.

Die Damen mussten jung, ledig und aus gutem Hause sein. Ihr Gehalt war ähnlich wie das einer Sekretärin, es reichte aus, um eine unverheiratete Frau zu versorgen. Um die Jahrhundertwende erfreute sich dieser Beruf großer Beliebtheit. Knapp 4.000 Fräulein vom Amt gab es 1897. Zehn Jahre später waren es schon 16.000.

Handvermittlung von Telefongesprächen, 1975 (Foto: Joseph A. Carr, Wikipedia)

Mit der Entwicklung der automatischen Vermittlungstechnik, bei der elektromechanische Wähler die Verbindungen aufbauten, wurden die "Fräuleins" nach und nach durch Maschinen ersetzt: 1908 wurde in Hildesheim das erste automatische Ortsamt in Deutschland in Betrieb genommen. Doch erst 1966 waren alle Ortsnetze auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik automatisiert. Für Verbindungen ins Ausland waren aber noch bis in die 1980er Jahre handvermittelte Gespräche üblich.

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